Kritik zu Oslo Stories: Liebe

© Alamode Film

Dag Johan Haugerud hat mit »Oslo Stories: Träume« gerade den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen, nun kommt der Mittelteil seiner Trilogie zuerst in die Kinos

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Die großen Themen des Films sind gleich gegenwärtig. In der ersten Szene von Dag Johan Haugeruds Film »Oslo Stories: Liebe« wird ein Mann in einem Krankenhaus in Oslo mit der Diagnose einer lebensbedrohenden Krankheit konfrontiert: Prostatakrebs. Wenige Minuten später nimmt Cecilie Semecs Kamera die Historikerin Heidi (Marte Engebrigtsen) auf. Sie ist Projektleiterin für die 100-Jahr-Feier Oslos im Jahr 2005 und entdeckt bei einem Rundgang in den Fresken und Skulpturen am Rathaus Bezüge zu Sexualität im Allgemeinen und Homosexualität im Besonderen: inhaltliches Fundament für ein von Heidi erdachtes Stadtfest. Die Komiteemitglieder, die sie begleiten, scheinen nicht überzeugt. 

Haugerud (Drehbuch und Regie) bringt rund zwei Stunden lang Sexualität und Krankheit in einen Zusammenhang. An mehreren Tagen im August kreuzen sich immer wieder die Wege der Urologin Marianne (Andrea Bræin Hovig), die auf der Onkologiestation eines Krankenhauses arbeitet, und des Krankenpflegers Tor (Tayo Cittadella Jacobsen). Um sie herum arrangiert Haugerud Menschen, deren Interaktion mit Marianne und Tor den Zugang zu Denken und Fühlen der Hauptfiguren eröffnet. »Oslo Stories: Liebe« ist der zweite Teil einer ehrgeizigen Kinotrilogie. Am 8. Mai startet der dritte Teil »Oslo Stories: Träume«, Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale 2025; am 22. Mai folgt »Oslo Stories: Sehnsucht«, der unter dem Titel »Sex« auf der Berlinale von 2024 Premiere feierte. 

»In vielerlei Hinsicht ist dieser Film utopisch«, sagt Haugerud über das »Liebe«-Kapitel: »Er handelt vom Streben nach sexueller und emotionaler Nähe zu anderen, ohne sich dabei unbedingt an die gesellschaftlichen Normen und Konventionen zu halten, die Beziehungen regeln.« Marianne und Tor, die sich außerhalb der Arbeit im Krankenhaus auf der Fähre zwischen Oslo und der Halbinsel Nesodden begegnen, sind schnell im Gespräch über Beziehungen. Tor – schwuler Single mit langem Haar, Schnurrbart und Lederjacke – sammelt Partner für Gespräche und/oder spontanen Sex unter anderem über das Portal Grindr. Marianne scheint Gefallen an diesem Verfahren zu finden, denn sie definiert sich nicht als Lebenspartnerin oder Ehefrau, geschweige denn als Mutter. Tors Dating-Methode bringt sie mit einem Zimmermann zusammen, der seit zwanzig Jahren verheiratet ist, von der Internetplattform Tinder als einem »kostenlosen Bordell« spricht und nach dem außerehelichen Sex von Schuldgefühlen gepeinigt wird. Der Kontakt zu dem Geologen Ole Harald (Thomas Gullestad), der die Gabe besitzt, »Steine singen« zu hören, und sich in Marianne verliebt, stellt ihre Überzeugungen auf die Probe. Auch Tor könnte mit Bjørn (Lars Jacob Holm), einem krebskranken Psychologen, einen Mann fürs Leben finden. Der Krankenpfleger umsorgt den Kranken mit zärtlicher Fürsorge und scheinbar grenzenloser Empathie.

Der Regisseur knüpft souverän ein Netzwerk, in dem sich die Figuren bewegen. Haugerud gönnt seinen Darstellern viel Raum für die den Film prägenden Dialoge. Auf fast schon aufreizend entspannte Weise können sie in einem authentisch anmutenden Duktus – existenzanalytisch gehobener Ton inklusive – detailliert ihre Gedanken entfalten: sei es über Hoffnungen und Sehnsüchte, Krankheit und Tod, homosexuelle Praktiken und Aids. Sie formulieren intime Geständnisse, entblößen sich psychisch voreinander – und das mit einer Selbstverständlichkeit, die immer aufs Neue erstaunt. Die Ärztin Marianne glaubt, der Körper sei ein Schlachtfeld, wie potenziell das Familienleben; vielleicht erklärt das ihre Bindungsängste. 

Nächtliche Aufnahmen von Oslo und Fährfahrten spiegeln die Reise der Figuren durch unbewusste Bezirke und zu sich selbst. Die Reise endet mit einem optimistischen Akzent. Kein Wunder, denn Haugerud ist von einem gewaltigen Anspruch motiviert. Kino kann in seinen Augen etwas bewegen, das Publikum produktiv beeinflussen. Im Kern, betont er, gehe es in dem Film um die Frage, wie man Gutes tun kann. »Für mich besteht eine wichtige Funktion der Fiktion darin, neue Denkweisen im wirklichen Leben zu inspirieren.«

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