Das Spiel von Familie und Zufall
Als ich Anfang November letzten Jahres die Pressemitteilung vom DOK Leizig las, dachte ich: Mensch, das muss aber eine ausnehmend cinéphile Jury gewesen sein! Sie hatte eine erstaunliche Wahl getroffen, in dem sie „Le cinquiéme plan de 'La Jetée'“ /“La Jetée, the fifth shot“ mit dem Hauptpreis auszeichnete, Dominique Cabreras eigentümliche Annäherung an Chris. Markers berühmten Foto-Film von 1962. Gewiss liefen im Wettbewerb lauter Arbeiten, die sich mit drängenderen zeitgeschichtlichen Fragen auseinandersetzen.
Beim Blick auf die Seite des Festivals konnte ich feststellen, dass die internationale Jury tatsächlich ganz bemerkenswert besetzt war (https://www.dok-leipzig.de/jurys-2024). Gut möglich, dass sie mit ihrem Votum auch ein sympathisches Traditionsbewusstsein bewies, denn Marker war Leipzig eng verbunden und schon Jahrzehnte vor dem Mauerfall dort ein gern gesehener Gast gewesen. Dass ihre Wahl keineswegs nur eine Entscheidung für die Eingeweihten ist, können Sie jetzt selbst überprüfen. Vorgestern Nacht lief „'Am Rande des Rollfelds`, fünftes Bild“ auf arte und ist in der Mediathek noch bis zum 2. 11. abrufbar (https://www.arte.tv/de/videos/109351-000-A/am-rande-des-rollfelds-fuenftes-bild/) Kurioserweise liegt dieser Termin auf den Tag genau ein Jahr nach der Juryentscheidung. Dem Zufall wird man, wenn man Cabreras Essayfilm gesehen hat, allergrößtes Vertrauen schenken.
Ich habe die Filmemacherin, die ungewöhnlich behände zwischen Spiel- und Dokumentarfilm wechselt, in den letzten Jahren ein wenig aus den Augen verloren. Ihre Arbeiten, darunter „Nadia und der große Streik“ und „Milch der Zärtlichkeit“, gefielen mir um die Jahrtausendwende außerordentlich. In ihrem Zentrum stehen Frauen, um die sie ein weites, stes exzellentes Figurenensemble gruppiert. Das Private, Intime verschränkt sich darin zuverlässig mit dem Öffentlichen und der Politik. Das gilt auch für ihren jüngsten, unbedingt empfehlenswerten Film, der von ihrer eigenen Familiengeschichte ausgeht und sie eng mit Markers Bilderkosmos verbindet. Da es sich hierbei um einen mehrfachen Detektivfilm handelt, muss ich aufpassen, nicht allzu viel auszuplaudern.
Er beginnt damit, dass sich ein Cousin in der Cinémathèque francaise in Paris den epochalen Zeitreisefilm Markers anschaut. Das muss im Rahmenprogramm der Marker-Ausstellung gewesen sein, über deren Brüsseler Variante ich in epdFilm schrieb (https://www.epd-film.de/tipps/2018/ausstellung-memoires-future-bruessel), Cabreras Cousin ist davon überzeugt, die fünfte Einstellung zeige ihn und seine Eltern 1962 auf der Besucherterrasse des Flughafens von Orly. Familienmitgliedern fällt auf, dass Statur und Körperhaltung der kleinen Gruppe (sowie die Segelohren des schaulustigen Jungen) in der Tat große Ähnlichkeit aufweisen. Cabreras Verwandtschaft besuchte den Flughafen seinerzeit sehr häufig. Dem Fliegen eignete damals noch eine gewisse Exotik, es war ein Ereignis. Dass Ausflüge zu solchen Besucherterrassen ein beliebtes Sonntagsvergnügen waren, kann ich aus meiner eigenen Familiengeschichte bestätigen: Wir legten dafür gar nicht so selten die 90-Kilometer-Strecke nach Hannover zurück.
Für die Cabrera hatten diese Besuche noch eine besondere Bedeutung. Sie waren pieds noirs, Algerienfranzosen, die nach dem Friedensvertrag von Evian ihre bisherige Heimat verlassen mussten. Der traurige Gesichtsausdruck des Onkels spricht auf Familienfotos von der Fernweh der Entwurzelten. Cabrera recherchiert nun gründlich in der Verwandtschaft, ob die Vermutung des Cousins stimmt. Zugleich zieht sie nicht nur „La Jetée“ zu Rate, sondern auch „Le joli Mai“, den Marker zeitgleich in Paris drehte, als dort der „erste Frühling des Friedens“ ausbrach. Kameramann Pierre Lhomme kann nicht wirklich weiterhelfen, Markers Regieassistent beteiligt sich engagiert an den Nachforschungen, mag aber weder bestätigen, noch dementieren, ob die Abgebildeten nun Cabreras Angehörige sind. Ein anderer Verwandter bemüht die Mathematik, um zu überprüfen, ob sich deren Wege und die des Filmemachers in Orly hätten kreuzen können. Die Wahrscheinlichkeit ist viel höher als der Zufall, dass der Cousin den Film in der CF sah - ausgerechnet während der notorisch schlechtbesuchtesten Ausstellung, welche die Institution je zeigte!
Im behänden Wechsel zwischen Familiengeschichte und Markers Bilderuniversum wird einerseits eine Zeitgeschichte greifbar, die in der letzten Einstellung triftig zur aktuellen Abschiebepraxis von Geflüchteten aufschließt. Die Zufälle häufen sich. War es Marker bewusst, dass Orly zuerst den gleichen Namen trug wie er: Villeneuve? Markers Hauptdarsteller stammte aus demselben Ort in Algerien, in dem die Cabrera seinerzeit lebten. Möglicherweise war er ein Spielkamerad der Brüder und umwarb erfolglos eine Schwester. Der Sprung von ihrer Familie zu Markers „Familie“, seiner Entourage der Schauspielerinnen und Mitarbeiter, ist nie haarsträubend, sondern immer schlüssig. Die Bilder, Gesichtsausdrücke und Blicke zirkulieren anmutig. Der Filmemacher ist ja selbst ein nicht enden wollendes Rätsel, ein Fantômas der Filmgeschichte, der selbst nie fotografiert werden wollte. Auch das muss gelöst werden. Am Schneidetisch erhascht Cabrera ihn, wie während nach dem Massaker an der Metrostation Charonne inmitten der Demonstranten filmt.
Cabrera lässt den Erinnerungen und der Phantasie freien Lauf. Sie befindet sich in der Gesellschaft von Geistern. Die Figuren in der fünften Einstellung sind drei Menschen, die in die Zukunft blicken. Der Cousin würde selbst gern auf Zeitreise gehen wie der Protagonist des Films. Sein erhabener, rührender Wunsch: jeden Sonntag seine Mutter zum Mittagessen besuchen. Ein Kontaktabzug aus Markers Nachlass klärt schließlich die Frage, ob er und seine Eltern tatsächlich vor dessen Kamera standen. Dominique Cabrera leitet aus ihren Nachforschungen eine Demokratisierung der Schaulust ab. Keiner ist Statist im reich der Bilder, jeder verdient einen eigenen Film.
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