Altlasten
Heute, am 4. April vor 100 Jahren wurde die SS gegründet. Arno Widmann, der in einer Serie für die „Frankfurter Rundschau“ seit geraumer Zeit die erstaunlichsten Gedenktage in Erinnerung ruft, schreibt ausführlich darüber. Es ist ein gravierendes Datum: „In der frühen Weimarer Republik herrschte Bürgerkrieg.“
Jede große Partei, berichtet er, hatte damals einen militärischen Arm. Die Gründung des Schlägertrupps sollte sich darüber hinaus als entsetzlich folgenreich erweisen. Die „Schutzstaffel“ war im Gegensatz zur SA keine Massenbewegung, sondern eine Elite-Organisation, der bald die Aufgabe zufiel, die Ermordung der europäischen Juden zu organisieren und durchzuführen. Nach dem Krieg war es nicht vorbei mit ihrem Einfluss. „Im Bundeskriminalamt waren 1958 von 57 leitenden Posten 33 mit ehemaligen SS-Männern besetzt“, führt Arno aus. „Auch im Bundesverfassungsschutz arbeiteten mehr als ein Dutzend ehemaliger SS-Männer.“ Diese Verharrungskräfte hatte der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu gewärtigen, als er die Fährte aufnahm, um Adolf Eichmann in Buenos Aires aufzuspüren. Mithin ist der Titel von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ klug und triftig gewählt.
Gestern Abend stellten der Regisseur und sein Hauptdarsteller Burghart Klaußner ihn im Filmmuseum Potsdam zehn Jahre nach seiner Premiere vor. Er lief und läuft zur Eröffnung des Rahmenprogramms der Ausstellung „How to catch a Nazi“, über die ich in der letzten Woche schrieb. Das Gespräch moderierte der unermüdliche Knut Elstermann, der es mit gut aufgelegten Partnern zu tun hatte. Eingangs galt es, den zeitlichen Abstand zu überwinden. Jetzt über ihn zu sprechen, gab Kraume zu bedenken, sei in etwa so, als würde man zehn Jahre nach dem Abitur aufgefordert, die Aufgabe an der Tafel noch einmal zu lösen. (Ich habe nachgezählt: Er hat seither 16 Kino- und Fernsehfilme gemacht.)
In seiner ersten Frage kam Knut direkt auf den Auftakt des Films zu sprechen, wo der reale Fritz Bauer in einer zeitgenössischen Schwarzweißaufnahme vorgestellt wird - ein riskanter, heikler Einstieg. Das war vor allem bei der Fernsehausstrahlung ein Problem, erinnerte sich der Regisseur: Nach der „Tagesschau“ geht die Einschaltquote üblicherweise rasch herunter, aber in diesem Fall dachte das Publikum zudem: „O, das ist ja ein Dokumentarfilm - komm, wir schauen lieber ZDF.“ Legte die Präsenz des realen Vorbildes für Klaußner die Messlatte besonders hoch? Für ihn stellte sich die Frage, wie weit man als Schauspieler mit der Imitation gehe, aber ein zweiter Faktor sei womöglich wichtiger: die Aspiration, die seelische Einfühlung. „Das ist nicht eitel gemeint“, fügte der Schauspieler hinzu, „ich bin da eher ein Chronist meiner selbst.“ Für seine Generation war Bauer, zumal durch den Anstoß zu den Auschwitz-Prozessen, ein in der Nachkriegs-BRD seltenes Vorbild. Später, als die Diskussion fürs Publikum geöffnet wurde, ergänzte ein Herr, die Prozesse haben auch die deutsche Rechtsprechung um den Grundsatz ergänzt, dass Mord nicht verjährt.
Kraume stieß seinerzeit auf beträchtliche Widerstände, als er das - zusammen mit dem französischen Publizisten Olivier Guez geschriebene - Drehbuch bei Sendern, Produzenten und Fördergremien vorstellte. Bauer sei seinerzeit kaum jemandem ein Begriff gewesen. (War das tatsächlich so? Ich habe da meine Zweifel.) Oskar Schindler kannte auch niemand, wandte er dann ein, worauf stets erwidert wurde: „Aber das war ja Spielberg!“ Ilona Zioks Dokumentarfilm „Fritz Bauer – Tod auf Raten“ von 2010 hat gewiss Schrittmacherdienste geleistet. Kraume ging auf Distanz zu ihr, denn Ziok kritisierte am Spielfilm, er hebe Bauers Homosexualität zu sehr hervor und würde die Figur dadurch „denunzieren“. Sie war jedoch bereits in einer Ausstellung des ungeheuer verdienstvollen Fritz-Bauer-Instituts thematisiert worden.
Ihr ist einer der brillantesten Dialogsätze geschuldet: „Der Jude ist schwul?“ Sebastian Blomberg spricht ihn als Staatsanwalt Kreidler, der einer der hartnäckigsten Widersacher Bauers ist. Das ist f ür mich der filmische Inbegriff von "Morgenluft schnuppern“, zugleich fassen die vier Wörter ein Zeitklima auftrumpfender Ausgrenzung zusammen. Bauers Gegenspieler haben übrigens viel weniger Szenen, als ich in Erinnerung habe. Dass sie so präsent bleiben, ist ein Ausweis der großartigen Besetzung - vor allem Blomberg, auch Jörg Schüttauf als BKA-Beamter (s.o.). Der Film ist ohnehin reich an Epigrammen, die das Publikum unmittelbar in die Wirtschaftswunderzeit zurückversetzen („Wollen Sie Gerechtigkeit oder eine neue Küche?“). Besonders mag ich auch den knappen Wortwechsel zwischen Bauer und einem Mossad-Offizier: „Sie sprechen ja Deutsch!“ - „Aber nicht gern.“ Ein Film über ein solch ernstes Thema, das ist Kraume wichtig, muss auch gewitzt sein. Das funktioniert immer noch sehr gut, wie bei der Vorführung zu merken war.
Die leichten Freiheiten, die sich Kraume und Guez` Drehbuch gegenüber der historischen Chronik nahmen, gereichen ihm nicht immer zum Vorteil. Der Nebenplot um Bauers einzigen Mitstreiter Angermann (Ronald Zehrfeld), der wegen seiner Beziehung zu einem Transvestiten erpresst wird, gibt ihm eine gewisse Unwucht: ein zusätzliches Spannungsmoment, das ohne Not eingebaut scheint. Angermann ist eine erfundene Figur, ein Amalgam mehrerer real existierender. Bauer umgab sich mit einem ganzen Kreis junger Staatsanwälte - nicht aus privater Neigung, sondern weil sie ihm unbelastet erschienen. Für Klaußner ist er dennoch ein Einzelkämpfer, ein halsstarriger Außenseiter im Apparat. Keineswegs der einzige im Portfolio des Schauspielers („Deutsche Männer sind schon was Besonderes.“, ein zuverlässiger Lacher). Sein eigener Name, Klaußner,ist ein Synonym für Eremit.
Vielleicht sollte man noch über die schwarzweiß gescheckten Socken sprechen, die sich Bauer im Film von Angermann abschaut. Der ältere Mann will mit der Zeit gehen. Darauf gab es eine hübsche Replik an diesem Abend. Klaußner trug kecke, außerordentlich kleidsame Sneakers, die eine Gruppe zwei Reihen vor mir sogleich animierte, die Marke zu googlen. Während des Films war mir aufgefallen, wie modern Bauers Wohnung eingerichtet ist, mit Bauhaus-Möbeln und Accessoires. Knut sprach mir aus dem Herzen, als einer einen Feininger-Druck erwähnte, der an der Wand hängt. Ja, bestätigte Krause, er sollte im Film für die Moderne stehen, das Tapetenmuster stammte von Le Corbusier. Also auch in dieser Hinsicht einer der erlesenen Helden in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Klaußner ließ es sich nicht nehmen, sarkastisch auf das gleichzeitige Entschuldungsprogramm der DDR zu verweisen, die sich auf der richtigen Seite der Geschichte wähnte: „Aus dem Sprung Nazi-frei!!“
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