Kritik zu Die Wärterin

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In seinem zweiten Spielfilm erzählt Gustav Möller eine Rache­geschichte mit einer herausragenden Sidse Babett Knudsen

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Eva ist eine verschlossene Frau, reserviert, fast abweisend – zumindest gegenüber ihren Kollegen. Den Insassen der Haftanstalt hingegen begegnet sie mit einer seltsam leidenschaftslosen Freundlichkeit. Bei der morgendlichen Essensausgabe erkundigt sie sich stets, wie sie geschlafen haben. Sie bietet einen Meditationskurs an und gibt Nachhilfe. Glücklich scheint sie dabei nie, eher beherrscht routiniert. Diese Beherrschtheit steigert sich zu einer beängstigenden Versteinerung, als ein junger Mann in den Hochsicherheitstrakt für Schwerverbrecher gebracht wird. Eva lässt sich aus dem normalen Strafvollzug dorthin versetzen. 

Mit »Die Wärterin« legt der schwedisch-dänische Filmemacher Gustav Möller ein intensives Gefängnisdrama um Rache und Vergeltung, Machtmissbrauch und Schuld vor, in dem sich das Spannungsfeld zwischen der Wärterin Eva und dem Insassen Mikkel ständig verschiebt. Doch trotz beklemmender Bildführung im 4:3-Format und einem bedrohlichen Sounddesign will Möller in seinem zweiten Spielfilm nach »The Guilty« ein wirklich stimmiges Drama nicht gelingen. 

Denn was Eva (Sidse Babett Knudsen) mit dem jungen Schwerverbrecher (Sebastian Bull) verbindet, der wegen eines Mordes im Gefängnis 16 Jahre absitzen muss, erschließt sich zunächst nicht. Sie verweigert ihm die Zigaretten, lässt ihn nachts nicht zur Toilette, schiebt ihm Drogen und ein Messer unter und schlägt ihn krankenstationsreif. Nach und nach lässt sich die Verbindung dann doch erahnen, was eine gewisse Spannung erzeugt. Da aber hat schon die Verwunderung überhandgenommen, wie frei sich eine Gefängniswärterin unter Schwerstverbrechern bewegen kann, welche Befugnisse sie hat. Das geht über die bekannte Praxis, dass sich Kolleginnen und Kollegen in solchen Umfeldern meist decken, weit hinaus. Auch dass ausgerechnet sie es ist, die Mikkel bei einem von ihr beantragten Ausgang zu dessen Mutter begleitet, ist mehr als unglaubwürdig. Natürlich kommt es zu einem Flucht- und Mordversuch.

Zunächst spannend, dann aber doch durchschaubar ist der ständige Wechsel der Machtverhältnisse zwischen Eva und Mikkel. Denn der junge Mann weiß sie zu erpressen, was Möller durchaus atmosphärisch dicht und zugleich distanziert zu erzählen vermag. Die eindrücklichsten Szenen sind jene, als Mikkel seine Mutter (Marina Bouras) trifft. Beobachtet von Eva streichelt die Mutter bei einem Gefängnisbesuch Mikkel zärtlich die Hand. Später wird er ihr voller Hass beim Ausgang Torte ins Gesicht schmieren. Es geht auch um Mutterschaft in diesem Film, der bei der Berlinale 2024 im Wettbewerb lief. 

Sidse Babett Knudsen, vor allem bekannt aus der Serie Borgen, spielt diese Eva mit einer Unerbittlichkeit, die von tiefen Schuldgefühlen geprägt ist. Sebastian Bull gibt den brutalen Mikkel mit einer körperlichen Präsenz, die stets etwas Animalisches verströmt. Am Ende steht die banale Erkenntnis, dass alle Schuld auf sich geladen haben und in sich selbst, nicht hinter Gefängnismauern, gefangen sind.

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