ARD-Mediathek: »Gegen das Schweigen«

»Gegen das Schweigen« (2024). © NDR

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Konsequenzen bleiben aus

Über drei Jahre hinweg recherchierten Kira Gantner und Zita Zengerlin für ihre Dokumentation »Gegen das Schweigen«. Sie sprachen mit mehr als 200 Betroffenen. Auch wenn die einstündige Sendung nur einen Teil wiedergeben kann, kommen viele zu Wort, darunter Schauspielerinnen, aber auch Schauspieler und Mitarbeiter*innen hinter den Kulissen. Zudem wird von Fällen erzählt, bei denen die Betroffenen anonym bleiben wollen.

Es ist ein sachlicher Film, der nicht auf die eine große Enthüllung aus ist. Immer wieder wird betont, dass alle Fälle gründlich recherchiert sind und dank eidesstattlicher Erklärungen jederzeit nachgewiesen werden können. Auf die namentliche Nennung von Personen, die Machtmissbrauch begangen haben, wird in vielen Fällen verzichtet. Drei Personen stehen aber konkret im Fokus: Schauspieler und Regisseur Kida Khodr Ramadan, Theatermacher Paulus Manker und Filmregisseur Julian Pölsler.

Die Fälle zeigen unterschiedliche Formen von Fehlverhalten: cholerische Wutanfälle, erniedrigende Kritik, Beleidigungen und sexuelle Übergriffe. Die Stärke der Doku ist, dass sie Mechanismen aufzeigt. Dazu gehört insbesondere die nach wie vor stark hierarchisierte Struktur, die in Film und Theater vorherrscht, mit geballter Macht bei einzelnen Personen. Demgegenüber stehen Beschäftigte, für die die Arbeit die Erfüllung eines großen Traums ist, und die oft Angst haben, keine Engagements mehr zu bekommen.

Was die Doku ebenfalls zeigt, sind die Graubereiche, die sich durch das besondere Tätigkeitsfeld ergeben, in dem es oft um die Darstellung von Extremen geht und die Grenzen zur realen Überschreitung verschwimmen. Viele Schauspielerinnen berichten etwa von Nacktszenen, mit denen sie grundsätzlich kein Problem hätten, die aber immer wieder auch inszeniert würden, ohne dass ihr Sinn erkennbar sei. Beispielhaft ist auch die Schilderung eines Castings, bei dem Julian Pölsler die darzustellenden sexuellen Aktionen mehrfach an den Darstellerinnen demonstrierte. Eine notwendige Form der Regieführung oder nicht doch schon übergriffiges Verhalten?

Als weiteres Problem wird der Geniekult genannt, den es um viele Protagonisten gibt. Theatermacher Paulus Manker etwa inszeniert sein Image als Enfant terrible geradezu. Bekannte Stars werden hofiert, was oftmals dazu führt, dass Fehlverhalten keine ausreichenden Konsequenzen hat. Das trifft auch im Fall Kira Khodr Ramadan zu. Mehrere Mitarbeiter*innen berichten über dessen Wutanfälle am Set von »4 Blocks« oder »Asbest«. Interessant: Noch während der Arbeit zur Doku ging Ramadan an die Öffentlichkeit und kündigte an, sich in Therapie zu begeben. Dabei erklärte er auch, dass er sich für seinen schlechten Umgang schäme.

In die Pflicht genommen werden besonders die Produktionsfirmen, die auf neue Standards und die verstärkte Präsenz von geschulten Ansprechpersonen verweisen. Bislang sind die Meinungen zur Wirkung solcher Maßnahmen aber noch gemischt.

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